Gottes weite Vision
Gottes weite Vision
Thursday, June 23, 2011
Norddeutsche Jährliche Konferenz 2011 – Krelingen
Eröffnungsgottesdienst am 23. Juni 2011
Predigt von Krista Givens, Übersetzung Joachim Georg
Gottes irritierende, sich ständig ausweitende Phantasie
Ich möchte euch herzlich danken für diese Einladung und die Gelegenheit bei dieser Jährlichen Konferenz zu euch sprechen zu dürfen. Ich weiß nicht, womit ich es verdient habe, hier vor euch zu stehen als eine Kollegin in der Norddeutschen Jährlichen Konferenz, als Pastorin einer Hamburger Gemeinde und als eine Mitarbeiterin im Reich Gottes.
Indem ihr mich eingeladen habt, mich, eine Einwanderin in dieses großartige Land, mich, die Pastorin einer englisch-sprachigen Gemeinde – seid ihr dem Konferenzthema einen Schritt näher gekommen: „Entdecke, was geht!“ Denn mit dieser Erfahrung – nämlich, dass eine Ausländerin in einer fremden Sprache predigt – macht ihr direkt einen Schritt hinein in unbekanntes Gewässer, ich möchte sogar sagen: in unbequemes Wasser; denn wir als Kirche werden zu Neuem herausgefordert. Viele von euch erleben jetzt genau das, was wir in den Internationalen und Migranten-Gemeinden tagtäglich mitmachen – nämlich die Schwierigkeiten aufgrund unserer Sprachunterschiede. Wir stammen aus verschiedenen Kulturen, aus unterschiedlichen Ländern und Sprachfamilien – aber wir sind herausgefordert, eins zu werden im Leib Christi – Und die Herausforderung heißt: Wie finden wir, die wir verschieden sind, zusammen zu einer Menschenfamilie, zur Gottesfamilie? Aber heute gehen wir einen Schritt um zu „Entdecken, was geht!“
„Entdecke, was geht!“ – das erfordert von uns die Welt mit neuen Augen zu sehen. Unsere Augen zu öffnen, um so zu sehen, wie Gott sieht. Gottes grenzenlose Phantasie zu verstehen wagen! In dieser Woche versuchen wir zu „Entdecken, was geht!“ und lassen uns dabei von Petrus inspirieren, einem Jünger, der ständig konfrontiert war mit sich verändernden Umständen; Petrus,
den Jesus selbst „Satan“ nannte, Petrus, den Jesus berief als „der Fels, auf den ich meinen Gemeinde baue.“ Lebenslang hat Petrus mit Herausforderungen zu tun und seine Aufgabe ist, die neuen Möglichkeiten zu entdecken, die Gott ihm vor die Füße legt und seine eigenen Pläne entsprechend anzupassen. Seine Ideen, seine Werte, sich selbst an Gottes Vision neu auszurichten.
Ich persönlich kann mich gut in Petrus hineinversetzen. Er hatte keinen leichten Stand als Vertreter der Jünger, als Jesu rechte Hand, als zentrale Figur … Nehmt zum Bsp. diese Geschichte, (auf die später in dieser Woche noch eingegangen wird):
Nach einem langen Arbeitstag war die Menge satt, die übrig gebliebenen Brote und Fische eingesammelt, und Jesus wollte sich ausruhen und beten. Müde und erschöpft ging er allein in die Berge und seine Jünger wollten zu einer Bootsfahrt aufbrechen. „Geht schon mal vor“, sagte Jesus, „ich werde euch einholen.“ Die Jünger stießen ab zu einem neuen Abenteuer, sie wollten ihre Situationen verändern, ihren Horizont erweitern. Aber sobald sie das Ufer verließen, bekamen sie Probleme mit dem Meer. Der Wind blies, der Regen peitschte gegen die Seeleute und das Boot drohte, in den Wellen zu kentern. Und in dem Moment, als ihre Furcht überhand nahm, kam Jesus zu ihnen; er ging auf den aufgepeitschten Wellen. Als er sich dem Boot näherte, lud er Petrus ein zu ihm zu kommen und Petrus tauschte die Sicherheit des Bootes gegen das gefährliche Meer ein. (aus Markus 6,42-52)
In meiner Arbeit als Pastorin der Internationalen Methodistischen Gemeinde in HH fühle ich mich oft wie Petrus in dieser Geschichte: Ein Bein im Boot und das andere auf den schwankenden Wassern des Unbekannten. Wir - als Leiter der EmK, als weltweite Kirche, als eine Denomination im ev. Mainstream, als eine christliche Gemeinschaft in Deutschland – wir werden ständig angespornt etwas NEUES zu tun: etwas zu riskieren, zu ändern, etwas zu versuchen um eine sterbende Kirche - wie manche meinen - zu retten. Aber da sind auch andere Leitlinien: wir müssen doch „Kirche machen“ wie es immer war, um mit der guten alten Tradition verbunden zu sein. Wie Petrus stehen wir mit einem Bein im Schiff der Tradition und mit dem anderen auf den schwankenden Wassern des Unbekannten.
Seht ihr?!: immer, wenn wir uns im Boot ganz sicher wähnen, setzt Gott irgendein Mittel ein, um die stillen Wasser aufzuwühlen, am Boot zu rütteln, die Umstände zu ändern - und den Plan und unsere Vision. Und genau das finden wir in unserem heutigen Bibeltext, in der Geschichte von Petrus und Cornelius und der Vision Gottes, die verändert:
Während Petrus noch über die Vision nachdachte, sprach der Geist zu ihm: Siehe, drei Männer suchen dich. Steh auf, geh hinab und geh mit ihnen ohne zu zögern, denn ich habe sie gesandt. Als Petrus ankam, begrüßte Cornelius ihn, fiel nieder zu seinen Füßen und bezeigte ihm Ehre. Aber Petrus ließt ihn aufstehen und sagte: „Steh auf, ich bin nur ein Sterblicher.“ Während sie sich unterhielten, ging er hinein und entdeckte, dass sich viele versammelt hatten. Und Petrus sagte zu ihnen: „Ihr wisst selbst, dass es sich für einen Juden nicht gehört, sich mit Heiden zusammenzutun oder sie zu besuchen. Aber Gott hat mir gezeigt, dass ich niemanden für unrein halten darf.“ Act 10 19-20.25-28
Wir erleben Petrus hier mitten in seiner Judenmission nach dem Tod Christi. Er bereiste Jüdische Gemeinden und bekehrte gläubige Juden zur Gemeinschaft der Christus-Nachfolger. Als Petrus in Haifa zu Besuch war, ging er aufs Dach um zu beten und dort hatte er eine Vision. Aus Act 10, ab Vers 10:
Er wurde hungrig und wollte etwas essen. Und während das Essen zubereitet wurde, fiel er in
Trance. Er sah den geöffneten Himmel und etwas wie ein großes Tuch herabkommen, das an den vier Zipfeln auf den Boden niedergelassen wurde. Darin befanden sich alle Arten vierfüßiger Tiere, Kriechtiere und Vögel. Dann hörte er eine Stimme, die sagte: „Steh auf, Petrus, schlachte und iss!“ Aber Petrus sagte: „Auf keinen Fall, Herr, denn ich habe niemals etwas Unreines gegessen.“ Die Stimme sprach ein zweites Mal zu ihm: „Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht unrein.“ Das geschah drei Mal, und das Ding wurde plötzlich wieder in den Himmel gezogen.
Petrus hat also diese seltsame Vision: unreine Tiere und Kriechtiere und der Herr, der darauf besteht, dass nichts unrein ist, kein Tier, kein Vogel, kein Reptil, keine einzige Nahrungsquelle. Aber! das ist eine der grundlegenden Traditionen der Jüdischen Gemeinschaft, eine Säule des Glaubens: koscher zu leben, nur die Nahrung zu essen, die durch die biblischen Gebote in Lev und Dt genehmigt sind. Und während Petrus über diese seltsame Vision nachsinnt, trifft er Cornelius, einen gottesfürchtigen Heiden, einen römischen Zenturio, beschrieben als ein „Mann, der Gott fürchtet“, einer, der noch nicht zum Judentum übergetreten ist. Während dieser Begegnung wird Petrus bewusst, dass es bei Gottes Vision nicht nur um NAHRUNG geht, sondern für wen das Evangelium bestimmt ist!
Und plötzlich bewegt sich das Wasser unter Petrus´ Füßen. Er denkt: „Moment mal!“ „Zuerst sagt mir Gott, dass die Reinheitsgebote, die Rituale und Traditionen, nach denen wir seit Generationen Nahrung zubereiten, nichts mehr bedeuten – und nun DAS hier? Und Petrus muss sich anpassen.
Und wie reagiert er? Wie stellt sich Petrus auf diese neue Wirklichkeit ein? Wie verändert er seine Vision, um mit Gottes Vision übereinzustimmen? Indem er die Beziehung zu Cornelius sucht. Indem er eine gastfreundliche Einladung annimmt, in Cornelius´ Haus zu kommen. Das überrascht, denn jüdische Reisende suchten Gastfreundschaft ausschließlich in jüdischen Häusern, wie das
Richterbuch belegt.
Andrew Arterbury schreibt dazu: „Gastfreundschaft wird das erste Mittel, durch welches Evangelisation und die Eingliederung der Heiden in das Leben der christlichen Gemeinde verwirklicht werden. Zusätzlich wirkt die Sitte der Gastfreundschaft als Prisma, durch welches jüdische Christen die Konvertiten aus den Heiden auf neue Weise sehen können. – nicht mehr als „weltlich oder unrein“, vielmehr als Partner des Bundes in der christlichen Gemeinschaft. Also, Lukas zieht eine direkte Verbindung zwischen der Sitte der Gastfreundschaft, die in der Antike den Graben zwischen Menschen verschiedener Regionen und Kulturen überbrückte, und der Integration der Heiden in das Leben der Kirche.
Wir versuchen heute die Möglichkeiten zu entdecken, die Gott uns vor die Füße legt, wir stehen mit einem Bein fest in der Tradition und mit dem anderen auf unsicheren Wassern der Zukunft – und dabei sind wir herausgefordert andere anders zu sehen, nicht als solche „außerhalb der Herde“ – sondern als Brüder und Schwestern in der Familie Gottes. Und das können wir nur tun, wenn wir Beziehungen zueinander aufbauen.
Wir, als Menschen der methodistischen Kirche in Norddeutschland, sind gesegnet mit einer Fülle von Möglichkeiten, die Gott uns gibt. Aber wenn wir an unserer Vision festhalten, wenn wir uns Gottes Zukunft nicht anpassen können, wird die Verehrung der Vergangenheit ein Klotz an unserem Bein sein. Wie Petrus brauchen wir eine Neuauflage unserer Pläne, ja unserer selbst, um mit Gottes neuer Vision für die Zukunft übereinzustimmen.
Es ist so, als lasse Gott ein Laken vom Himmel, das im Überfluss gefüllt ist – passend für uns: ein Überfluss an Leuten und Situationen, an Musik und Gebeten, an Sprache und Gaben und Möglichkeiten, alles für uns! Und Gott sagt zu uns: „Hier! Nimm! Gaben aus der Fülle Gottes!“ Und wir schauen uns diese göttliche Fülle an und sagen: „… Aber Gott, das ist nicht, was wir gewohnt sind … nichts sieht vertraut aus oder klingt vertraut, schmeckt vertraut … Das sind ja nicht UNSERE Leute, das sind nicht UNSERE Traditionen, das ist nicht unser Plan!“
Aber Gott schickt uns Ghanaer, Südafrikaner, Briten und Nordiren, Amerikaner und Türken, Menschen aus Polen, Rumänien, Vietnam und Russland. Gott schickt uns Menschen aus aller Welt, Menschen, die mit uns leben werden auf Dauer oder nur für kurze Zeit. Einige von ihnen sprechen Deutsch und andere nicht. Einige kennen unsere Lieder, und andere nicht. Da sind Menschen, die Schlagzeug im Gottesdienst mögen, und andere nicht. Menschen, die unsere Traditionen, Kultur und unseren STIL kennen, und andere nicht. Gott hat diese Fülle in dem Laken uns vor die Füße gelegt, und wer sind wir zu sagen: „Nein, vielen Dank!“
Unsere (HH) Gemeinde unterhält eine Partnerschaft mit einem kleinen ländlichen Dorf in Zentral-Indien und ich fahre gerne immer wieder hin um zu helfen, wo ich kann. Zwei Jahre lang habe ich für Mitarbeiter und Patienten des christlichen Krankenhauses in Padhar Andachten gehalten, in der örtlichen Lutherischen Kirche gepredigt und habe geholfen Wandmalereien an der Oberschule der Mission anzubringen. Das erste Mal kam ich 2009 an und hatte meinen Entwurf für die Wandmalerei: Schließlich war ich die Leiterin des Malteams, ich hatte meinen Plan und ich habe die Mitglieder des Malteams eingeteilt. So fingen wir also mit dem Malen an, und ich war in richtig guter Leiterin-Laune: „Du machst dies - und du machst das.!“ Aber dann wuchs der Widerstand aus dem Team … Sie wollten meinen Plan ändern, sie wollten dort Blumen hinmalen, wo sie in meinem Entwurf nicht vorgesehen waren, und Schmetterlinge, wo ich sie nicht geplant hatte. Also passte ich meinen Plan an um ihre Vorschläge einzubeziehen und so machten wir weiter. Am Ende des ersten Tages waren die Kinder der Indischen Schule begeistert davon, was wir schon geschafft hatten, und sie wollten jetzt AUCH mitmachen! Einige der älteren Mädchen griffen sich überzählige Pinsel und fingen an, ihr eigenes Bild an die Wand zu malen – ein Muster, das die Leiterin nicht genehmigt hatte! – Obwohl es mich ärgerte und frustrierte, wurde mir klar, dass diese Erfahrung ein Beispiel für Gottes Vision war.
Als wir aus Indien abreisten, war das IHRE Schule, nicht meine, sondern IHRE. Und alles war entstanden aus dem einfachen Entwurf einer amerikanischen Pastorin, aus der Kreativität unseres deutschen Teams und aus der Leidenschaft der Indischen Kinder selbst. Gottes Vision ist eine kreative Zusammenarbeit aller, eine Ermutigung an uns, gemeinsam zu arbeiten um den Traum vom Reich Gottes Wirklichkeit werden zu lassen.
Unsere Vision – egal wie gut erarbeitet – ist zum Scheitern verurteilt, wenn wir unser Nachbarn nicht einbeziehen und wir die Vision Gottes ausblenden.
Indem wir die neuen Möglichkeiten entdecken, die Gott uns vor die Füße legt, spüren wir, wie Gottes Vision aussieht. Und wir können uns freuen über die Chance, die wir haben, nämlich ein Teil von Gottes faszinierendem Werk zu sein - in unserer Zeit, unter diesen Bedingungen, in sich verändernden Wassern. Mögen wir Gott gemeinsam ehren in unserem Werk für sein Reich. Amen.
“Our Changing Seas”, North German Annual Conference Opening Worship Sermon, translated into German by Rev. Joachim Georg